
Menden. Die Schützenfestsaison in Menden und seinen Dörfern beginnt am kommenden Wochenende. Traditionsgemäß fällt der Startschuss parallel beim Bürger-Schützen-Verein Halingen und bei der St.-Hedwig-Schützenbruderschaft Böingsen. Aber woher stammen eigentlich die vielen Traditionen der Schützen? Sogar bei manch eingefleischtem Schützenfest-Fan sind einige Ursprünge nicht bekannt. In einem „Schützenlexikon“ beantworten wir elf Fragen, die auch beharrliche Schützenfestverweigerer interessieren dürften.
Schützen-Lexikon Westfalenpost 22.05.2013 (pdf-Version)
1. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Schützenverein und einer Schützenbruderschaft?
Schützenvereine und Schützenbruderschaften haben gemeinsam, dass sie das Schützenwesen in ihren Stadtteilen/Dörfern unter dem Leitspruch „Glaube – Sitte – Heimat“ leben. Dabei sind die Bruderschaften traditionell eher eng an die katholische Kirche gebunden. Die Schützenvereine hingegen sind konfessionell nicht gebunden, pflegen aber einen engen Kontakt zu den evangelischen und katholischen Kirchengemeinden. In Menden kommt dies in besonderer Weise durch den ökumenischen Jahresabschlussgottesdienst in St. Vincenz zum Ausdruck.
2. Wer darf überhaupt auf den Vogel schießen? – Warum dürfen bei manchen Festen Frauen auf den Vogel schießen, bei anderen aber nicht? – Wann gab es die erste Schützenkönigin in Menden?
In der Regel schießen die Mitglieder eines Schützenvereins bzw. einer Schützenbruderschaft beim jährlichen Schützenfest den neuen Schützenkönig unter sich aus. Jeder Verein hat dabei aus seiner Tradition heraus in seiner Satzung für sich die Voraussetzungen zur Teilnahme am Vogelschießen festgelegt. Die Regelungen, wer auf den Vogel schießen darf, können also von Verein zu Verein unterschiedlich sein. Die erste Schützenkönigin in Menden war im Jahr 1989/90 Petra Gollombeck beim Bürgerverein Bösperde.
3. Warum tragen manche Vereins-/Bruderschaftsmitglieder Uniform, andere aber nicht?
Uniform tragen in den Vereinen und Bruderschaften die Offiziere. Als „aktiver Kern“ repräsentieren sie den Verein in der Öffentlichkeit und übernehmen besondere Aufgaben. Durch das einheitliche Erscheinungsbild wird die Zusammengehörigkeit gefördert. Die Schulterklappen spiegeln die unterschiedlichen Verantwortlichkeiten wieder. Auch die aktiven Jungschützen tragen eine einheitliche Kleidung. Übrigens: Die meisten Schützenschwestern und Schützenbrüder tragen keine Uniform und nehmen als sogenannte „Zivilisten“ am Vereinsleben teil. Wem „Uniform“ zu militärisch klingt, kann auch „Schützentracht“ sagen.
4. Wie wird man Offizier?
In den einzelnen Schützengemeinschaften gibt es unterschiedliche Aufnahmeverfahren für neue Offiziere. In der Regel wird vorher eine gewisse Zeit der Mitgliedschaft im Verein verlangt. Diese Zeit ist zum gegenseitigen Kennenlernen wichtig, da von den Offizieren ein verbindliches Mittun und die Übernahme von Aufgaben erwartet werden. Die Ernennung zum Offizier mit Dienstgrad Leutnant erfolgt durch die zuständigen Vereinsgremien in einem feierlichen Rahmen. Viele junge Offiziere sind in den letzten Jahren aus den Jungschützenabteilungen hervorgegangen.
5. Welche(r) ist der/die älteste Schützenverein-/bruderschaft im Mendener Gebiet?
Der älteste Schützenverein ist der Mendener Bürger-Schützen-Verein von 1604 e.V. Das Jahr 1604 weist auf die erste gesicherte urkundliche Erwähnung hin. Historiker gehen davon aus, dass der Verein gut 100 Jahre älter sein könnte. Die zweitälteste Schützengemeinschaft in Menden ist die Schützenbruderschaft St. Sebastianus Schwitten 1848.
6. Wieviele Schützenmitglieder gibt es in Menden?
In Menden gibt es insgesamt ca. 6.400 eingeschriebene Mitglieder in den 14 Schützenvereinen und Schützenbruderschaften.
7. Warum sind Orden so wichtig bei Schützen? Wer vergibt sie und nach welchen Kriterien?
Nicht die Orden an sich, sondern die Menschen, die sie tragen, sind wichtig. Sie haben für ihren Verein und die Gemeinschaft Wichtiges geleistet. Dies darf und soll jeder sehen können. Die Orden werden von Vereinen bzw. deren Dachverbänden – auch an Zivilisten – nach festen Regeln verliehen. So gibt es zum Beispiel für die Orden „Für Verdienste um das Schützenwesen“ des Sauerländer Schützenbundes (SSB) ebenso feste Richtlinien wie für die Verdienstorden im Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS).
8. Wer darf in einem Hofstaat Mitglied werden?
Ein Königspaar sucht seine Hofstaatpaare meistens persönlich aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis aus. Oft werden aber auch bewusst Neubürger oder Neumitglieder im Verein angesprochen. Diese haben dann in dem intensiven Schützenjahr eine gute Möglichkeit der Integration in die örtliche Gemeinschaft oder in den Verein.
9. Warum wird auf einen (Holz-) Vogel geschossen. Was haben Zepter, Krone und Apfel zu sagen?
Das Vogelschießen ist aus den Schießübungen der Schützen entstanden. Als die eigentlichen Verteidigungsaufgaben wegfielen, war das Vogelschießen „nur“ noch eine Belustigung beim Schützenfest. In unserer Region hat sich der Holzvogel eingebürgert. In anderen Regionen werden Scheibenschießen oder Bogenschießen zur Ermittlung des Schützenkönigs durchgeführt. Zepter, Krone und Apfel sind besondere Zeichen (Insignien) des Schützenvogels. Sie sind an die Herrschaftszeichen der Könige angelehnt. Das Abschießen der Insignien ist oft mit besonderen Verpflichtungen verbunden. So wird vielfach der Vizekönig durch das Abschießen der Krone ermittelt.
10. Die grundsätzlichste Frage fast zum Schluss: Warum gibt es überhaupt Schützen in Menden?
Der Ursprung der Mendener Schützen geht auf die Verteidigung der befestigten kurkölnischen Stadt Menden an der Grenze zur Grafschaft Mark zurück. Die Bürger wurden im Kriegsfall als Schützen zur Verteidigung der Stadt – letztmalig im Jahr 1689 – herangezogen und besetzten die Stadtmauer mit Wehrtürmen. Als die Verteidigung als Aufgabe wegfiel, blieb das gesellige Miteinander – das Schützenfest mit Vogelschießen – bestehen. In den Ortsteilen gibt es unterschiedliche Entwicklungsgründe bis hin zur Festigung eines gesellschaftlichen Lebens in neuen Siedlungen, wie zum Beispiel auf der Platte Heide nach dem 2. Weltkrieg.
11. Ein Schützenfest dauert maximal drei Tage. Was machen die Schützen die anderen 362 Tage im Jahr?
Das Schützenfest ist der wichtigste Termin im Jahr. Aber über das Jahr gibt es viele regelmäßige Aktivitäten: Gegenseitige Besuche, Jugendarbeit in den Jungschützenabteilungen, Schießsport, gesellige Treffen/Veranstaltungen für Senioren und Vereinsmitglieder und die Bewirtschaftung der Schützenhallen. Nicht zu vergessen die Mitwirkung bei Veranstaltungen in den Ortsteilen: Karneval, Pfingstkirmes, Prozessionen, Martinszüge, Volkstrauertag, … und die Mitarbeit in den Dachverbänden bis hinauf zur Gemeinschaft der Europäischen Schützen.
Die WP-Fragen zum Mendener Schützenlexikon beantworteten Karl Jansen (Schützenverein Holzen-Bösperde-Landwehr), Martin Schulte (Schützenbruderschaft St. Hedwig Böingsen), Meinolf Luig (Schützenverein Platte Heide) und Franz Hempelmann (Schützenbruderschaft St. Michael Oesbern) vom Vorstand des Trägervereins zur Förderung des Schützenwesens in Menden e.V.
Mit freundlicher Genehmigung der Westfalenpost
Quelle: Westfalenpost 22.05.2013